02.06.2014 Wahlkampf in der Warteschleife

SPD und CDU machen auf Marktplatz weiter Stimmung / Heinz-Josef Weich spricht sich für Rauch aus

Schaumburger Zeitung / 2.6.2014

Rinteln

Von Jakob Gokl
Es ist noch nicht vorbei. Eigentlich hätten sie sich alle eine Pause verdient. Doch noch ist die Zeit der Kugelschreiber, die Zeit der SPD-roten Erdbeeren und der CDU-beschrifteten Grillgewürze. Am Marktplatz buhlen beide Parteien mit Geschenken um die Gunst der Wähler. Nur wenige Meter trennen sie, hin und wieder wird ein Wort gewechselt, ansonsten geht man sich an diesem Samstag aber doch aus dem Weg.

In der Mittagshitze geben sich die Wahlkämpfer auf beiden Seiten motiviert, doch müde Augen entlarven die lachenden Münder. Dank der Stichwahl müssen nicht nur die beiden Bürgermeisterkandidaten Thomas Priemer (SPD) und Friedrich-Wilhelm Rauch (CDU) noch drei Wochen zittern, auch ihre Unterstützer verbringen nun drei weitere Samstage damit, wildfremden Menschen Kugelschreiber und Flyer anzubieten.

Apropos Flyer: Immer wieder stößt ein Windhauch unter die schön auf dem Stand drapierten Flugblätter und lässt sie für kurze Zeit ihren Wortsinn erfüllen. Aber pflichtbewusst beenden die Wahlkämpfer beider Couleurs immer wieder aufs Neue den Freiheitsdrang ihrer Werbemittel. Auch als bei der CDU ein kräftiger Windstoß dem Sonnenschirm Flügel verleiht, wird er von versammelter Mannschaft sofort gestoppt, aufgerichtet und gesichert. Einen weiteren Flugversuch unternahm der Schirm nicht.

Schwieriger als die rein pragmatisch zu lösenden Probleme am Marktplatz, gestaltet sich die eigentliche Aufgabe der Wahlkämpfer: Sie wollen am Sonntag eine möglichst hohe Wahlbeteiligung erreichen. Sowohl aufseiten der SPD, als auch der CDU betont man, dass es weniger darum gehe, neue Wähler vom Programm zu überzeugen, sondern die bestehenden Wähler zur Urne zu bewegen. „So ein Aufwand für sieben Stimmen“, sagt Thomas Priemer am Rande der Veranstaltung aus. Nur sieben Stimmen fehlten ihm bei der Wahl am 25. Mai zur absoluten Mehrheit, nun muss er sich abermals der Wahl stellen. „Und jetzt steht alles wieder auf null“, drückt es CDU-Stadtratsmitglied Kai Steding aus.

Trotz der Tatsache, dass Friedrich-Wilhelm Rauch im ersten Wahlgang deutlich hinter Priemer lag, zeigt man sich am CDU-Stand zuversichtlich. „Eine Mehrheit hat gegen die SPD gestimmt“, findet Steding. Im Vergleich zur Bürgermeisterwahl 2006 konnte die CDU um 12,32 Prozentpunkte zulegen, während die SPD um 17,62 Prozentpunkte verlor. Trotzdem führt Priemer mit 49,92 Prozent gegen Rauch mit 44,77 Prozent.

Im Nachwahlkampf will die CDU nun also auf keinen Fall locker lassen. Vermisst wurde beim CDU-Stand der Kandidat Rauch, wie vor allem die SPD-Wahlkämpfer nicht müde wurden, zu betonen. Kai Steding erklärt, dass Rauch derzeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen habe, und er ihm daher geraten habe, sich an diesem Samstag zu schonen. Was dieser wohl auch tat.

Über Sieg oder Niederlage könnten bei der Stichwahl am 15. Juni jene 569 Wähler entscheiden, die den parteiunabhängigen Kandidaten Heinz-Josef Weich gewählt haben. Der unterstützt den CDU-Kandidaten und möchte das in dieser Woche auch mit Plakaten kundtun.

Von unserer Zeitung auf den Grund für die Wahlempfehlung angesprochen meint Weich: „Er ist einfach der bessere Mensch.“ Aufgrund seiner Vergangenheit als Mitglied der Partei Die Linke, werde die Empfehlung zwar viele überraschen, aber das habe mit Parteizugehörigkeit nichts zu tun. Die Programme beider Parteien sei fast identisch, „das ist eine persönliche Frage, ich habe beide im Wahlkampf kennengelernt. Mit Herrn Rauch kann man einfach besser reden“.

Thomas Priemer wollte die Empfehlung seines ehemaligen Kontrahenten nicht kommentieren.

Immer wieder müssen sich die Wahlkämpfer am Marktplatz auch mit der ganz grundsätzlichen Frage auseinandersetzen: Wieso ist denn noch immer Wahlkampf? Und wann wird gewählt? Zwar bekam jeder eine freundliche Antwort, doch hinter den Kulissen ärgern sich manche doch. Man habe doch so viel plakatiert, so viel geworben, so viele Menschen angesprochen. Wie könne das an jemandem vorbeigegangen sein?

Für eine Seniorin, die mit Handwagen an der SPD vorbeifährt, ist die angebotene Erdbeere eine willkommene Erfrischung. Doch vom Wahlkampf will sie nichts wissen. „Aber es ist doch Stichwahl“, versucht die Wahlkämpferin sie zu überzeugen. „Ja, das ist doch das Schlimme“, entgegnet die potenzielle Wählerin, und hat ihr schon den Rücken zugekehrt.

Foto: jak
Hemdsärmelig bewähren sich die CDU-Wahlkämpfer, als ein Windstoß ihren Sonnenschirm samt Wahlaufsteller umwirft.